Ohne Kratzer und Stress: So geht deine Katze entspannt in die Transportbox

Katzen vertragen sich nicht: woran es liegt und was hilft

Wenn deine Katzen sich nicht vertragen, steckt selten eine Rangordnung dahinter. Was wirklich passiert, welche leisen Zeichen vorher kommen und was du ändern kannst.

Im Erstgespräch sagt eine Halterin, ihre beiden Katzen hätten sich zwei Jahre lang verstanden und dann sei es von einem Tag auf den anderen gekippt. Ich frage, was in der Woche davor war. Lange Pause. Dann fällt ihr ein, dass die eine kurz vorher beim Tierarzt war.

Ich habe früher genau da nicht nachgefragt. Ich habe auf den Streit geguckt, weil der laut ist, und alles andere für Zufall gehalten.

Der Satz, der fast immer zuerst kommt

Eine ist dominant, die andere muss sich unterordnen, die müssen das unter sich ausmachen. Das hört man im Bekanntenkreis, in Foren, manchmal auch in der Praxis.

Der Satz hilft nur leider nicht weiter. Hauskatzen haben keine feste Rangordnung. Was es gibt, sind Überlegenheits- und Unterordnungsbeziehungen, und die sind fast immer relativ, hängen also von Ort, Zeitpunkt und Situation ab. Eine Katze kann drinnen Vorrang haben und draußen nicht. Am Futternapf verteilt es sich oft ganz anders als erwartet, da haben Jungkatzen zwischen vier und sechs Monaten häufig Vorrang vor den Erwachsenen.

Und dann ist da noch die Schwierigkeit, dass nicht jede Auseinandersetzung ein Problem ist. Denk an Kindergarten und Schulhof. Da wird sich angeranzt, da wird gerempelt, und trotzdem herrscht kein Krieg. Bei Katzen ist das genauso, und deshalb ist die eigentliche Frage nicht, ob sie sich anfliegen, sondern was danach passiert.

Der praktische Schaden der Dominanzerklärung ist trotzdem groß. Wer sie glaubt, sucht beim Charakter des Tieres. Einen Charakter kannst du nicht verändern. Bedingungen schon.

Katzen sind gesellige Einzelgängerinnen

Die Hauskatze ist fakultativ sozial. Sie kann allein leben oder in Gesellschaft, und was davon für sie passt, entscheidet sich über ihre Veranlagung und über das, was sie als Kitten gelernt hat. Es gibt keine Bauart, die Gruppenleben erzwingt.

Wo Katzen draußen Gruppen bilden, hängt das an einer Nahrungsquelle an einem Ort, einem Bauernhof etwa. Die Gruppe besteht dann meist aus verwandten Kätzinnen mit ihren Jungen. Die Weibchen bleiben, junge Kater wandern ab.

Guck dir daneben mal dein Wohnzimmer an. Die Katzen sind nicht verwandt. Sie haben sich nicht ausgesucht. Und die wichtigste Möglichkeit fehlt komplett: Abwandern geht nicht.

Dazu kommt etwas, das sich ausrechnen lässt. Die Zahl der Beziehungen in einem Haushalt ergibt sich aus der Katzenzahl mal Katzenzahl minus eins. Zwei Katzen sind zwei Beziehungen, drei Katzen sechs, vier Katzen zwölf. Jede davon läuft in beide Richtungen und kann in jeder Richtung anders aussehen. Eine einzige Katze mehr mischt also alles neu.

Die leisen Zeichen kommen lange vorher

Das ist der Teil, den kaum jemand kennt, und der wichtigste hier.

Fauchen, Knurren und Verfolgungsjagden stehen am Ende einer Entwicklung. Davor liegen Wochen oder Monate mit Anzeichen, die kein Geräusch machen. Auf Spannung deutet hin:

  • Eine Katze weicht aus und verlässt den Raum, wenn die andere kommt
  • Die Schlafplätze liegen dauerhaft weit auseinander
  • Verteidigungsschlaf: die Katze liegt zusammengekauert, Kinn eingezogen, Schwanz unter dem Körper, wirkt fast reglos
  • Blockieren: eine sitzt so im Durchgang, auf der Treppe oder vor dem Klo, dass die andere nicht vorbeikommt
  • Fixieren: langer, starrer Blick auf die andere
  • Eine unterbricht, was sie gerade tut, sobald die andere hereinkommt

Blockieren ist besonders fies, weil es aussieht wie gar nichts. Da sitzt eine Katze. Mehr passiert nicht. Für die andere ist das trotzdem eine klare Ansage, und beim Klo hat das sogar einen eigenen Namen bekommen: Klo-Mobbing.

Für eine gute Beziehung sprechen dagegen aufgestellter Schwanz bei der Annäherung, gegenseitiges Putzen, aneinander reiben, Kontaktliegen und Blinzeln.

Und eine Sache, die wir dabei fast alle falsch lesen: Die zurückgezogene Katze wirkt ruhig. Kann sein, dass sie es überhaupt nicht ist, sondern nur aufgehört hat, sich zu zeigen.

Was Streit auslöst

Abstände: Katzen halten mehrere davon ein. Die kritische Distanz reicht von wenigen Zentimetern bis etwa einen Meter, und wird sie unterschritten, kommt Aggression, die Abstand herstellen soll. Die Wehrdistanz umfasst ein paar Meter und führt zu Abwehr, wenn sich jemand nähert und kein Fluchtweg da ist. Am spannendsten ist die Ausweichdistanz. Damit gehen Katzen Begegnungen von vornherein aus dem Weg, draußen über ganze Stockwerke oder über Zeitpläne. In einer Wohnung lässt sich die oft gar nicht herstellen. Damit fällt genau die Konfliktvermeidung weg, die eigentlich der Normalfall wäre.

Ressourcen: Betroffen sind vor allem Klos, Schlafplätze, Aussichtsplätze, die Nähe zu dir, Futter und Spielzeug. Der Konflikt entsteht dabei oft nicht durch Mangel, sondern durch den Zugang. Wenn alle Klos nebeneinander in einem Raum mit einer Tür stehen, sind es rechnerisch genug. Praktisch gibt es einen Weg dorthin, und den kann man blockieren.

Umgeleitete Aggression: Die Stressreaktion im Gehirn arbeitet wie ein Rauchmelder. Der schlägt an, ohne vorher zu prüfen, ob da wirklich was brennt. Eine stark erregte Katze reagiert deshalb auf Kleinigkeiten aggressiv, und zwar gegen wen auch immer gerade da ist. Der Klassiker ist die fremde Katze vor dem Fenster. Rankommen geht nicht, also trifft es die Mitbewohnerin. Erkennbar ist das daran, dass Auslöser und Ziel verschieden sind, dass vorher nichts zwischen den beiden lief und dass die Reaktion überhaupt nicht zum Anlass passt.

Jagen: Nicht jede Verfolgung ist Streit. Beutefangverhalten ist ausdrücklich kein aggressives Verhalten. Es verringert die Distanz, statt sie zu vergrößern, es droht vorher nicht und es kommuniziert nicht mit dem Ziel. Eine flüchtende Katze löst bei der anderen ein angeborenes Bewegungsmuster aus. Für die verfolgte Katze ist der Unterschied allerdings egal. Schreck und Angst entstehen bei beidem gleich.

Der Punkt, an dem fast alle vorbeigehen

Zurück zu der Halterin vom Anfang.

Denk mal an deine letzte Migräne oder an Zahnschmerzen. Du warst nicht gesellig. Du wolltest niemanden um dich haben, du hast dich zurückgezogen, und wenn dich jemand angequatscht hat, warst du kurz angebunden. Genau das macht Schmerz auch mit einer Katze. Er senkt die Schwelle, ab der sie abwehrt.

Chronische Schmerzen erkennen wir bei unseren Katzen sehr oft nicht. Hinweise darauf, dass körperlich etwas nicht stimmt:

  • Das Verhalten hat sich plötzlich verändert
  • Sie wehrt Berührungen ab, die sie vorher gut fand
  • Sie ist deutlich aktiver oder deutlich ruhiger als früher
  • Das Fell wirkt struppig, sie putzt sich anders
  • Fressen oder Schlafen haben sich verschoben
  • Sie liegt an Orten, an denen sie sonst nie lag

Deshalb gehört die tierärztliche Untersuchung an den Anfang und nicht ans Ende. Wenn nichts Eindeutiges gefunden wird, kann eine diagnostische Schmerztherapie sinnvoll sein, also die versuchsweise Gabe eines Schmerzmittels, um zu gucken, ob sich das Verhalten ändert. Das entscheidet deine Tierärztin.

Warum sich das aufschaukelt

Nach einem Schreck braucht eine Katze 15 bis 30 Minuten, bis die Pumpe wieder runtergeht. Nach richtiger Angst, etwa nach einem Kampf, bis zu zwei Stunden.

Der entscheidende Zusatz steht meistens nicht dabei: Diese Zeit läuft erst ab dem Moment, in dem der Auslöser weg ist. Wenn der Auslöser die andere Katze ist und beide in derselben Wohnung leben, fängt die Uhr gar nicht erst an zu laufen.

Der Fachbegriff dafür heißt allostatische Last. Der Körper verstellt seine Einstellungen kurzfristig, um mit einer Belastung fertigzuwerden, und die Kosten dafür summieren sich über Tage und Wochen. Der Umzug im Frühjahr, die Bauarbeiten nebenan, der Tierarztbesuch, die fremde Katze am Fenster, alles zahlt auf dasselbe Konto ein. Wenn dann etwas Kleines passiert, sagen wir alle, das kam aus dem Nichts.

Was tatsächlich hilft

Vorweg eine ehrliche Einordnung, damit du nachher nicht enttäuscht bist. Alles, was jetzt kommt, ist Wohnraummanagement. Das ist ungefähr so wie ein Röntgenbild ohne Behandlungsplan. Du siehst damit klarer und du nimmst Druck raus, aber Training ersetzt es nicht.

Ressourcen erhöhen und verteilen: Faustregel ist Anzahl der Katzen plus eins, bei Klos, Futter- und Wasserstellen, Liegeplätzen und Verstecken. Wichtiger als die Zahl ist die Verteilung. Verteil sie über die Wohnung statt in eine Ecke, und sorg dafür, dass zu jedem wichtigen Ort mehr als ein Weg führt.

Nach oben denken: Erhöhte Plätze sind Überblick und Rückzug in einem, und sie werden von selbstsicheren wie von unsicheren Katzen gern genommen. Regalbretter, Schränke und Catwalks entzerren einen Raum, ohne dass er größer wird.

Sichtschutz einbauen: Schon der dauernde Anblick der anderen Katze kann Stress machen. Ein Korb, ein Raumteiler oder eine Pflanze an der richtigen Stelle nimmt Spannung raus.

Trennen, wenn nötig: Für viele fühlt sich das nach Scheitern an. Fachlich ist es eine Pausetaste. Sie löscht nichts von dem, was passiert ist, aber sie hält den Zufluss an und schafft den Zustand, in dem überhaupt wieder etwas gelernt werden kann.

Was nicht hilft

Auskämpfen lassen: Das ist der häufigste und der schädlichste Rat überhaupt. Wenn Drohsignale folgenlos bleiben und stattdessen eine heftige Eskalation Erfolg hat, schafft eine Katze die leisen Signale ab und geht künftig ohne Vorwarnung rein. Das ist keine Verhaltensstörung, sondern eine gelernte Anpassung, und die wieder loszuwerden dauert lange.

Strafe: Sie ändert nichts an der Ursache und beschädigt zusätzlich deine eigene Beziehung zur Katze.

Der Stecker in der Steckdose: Kein Crashkurs, kein Zaubertrick, kein Feliway. Er ändert nichts an Abständen, an Zugängen, an Ressourcen und an Schmerzen, also an keiner einzigen der Bedingungen, aus denen der Konflikt entsteht.

Wann du nicht mehr allein weitermachen solltest

Es gibt Situationen, in denen es um mehr geht als um Spannung. Hol dir Unterstützung, wenn eine Katze in ihrem Versteck oder auf ihrem Rückzugsplatz angegriffen wird, wenn es Bissverletzungen gibt, wenn eine nur noch auf dem Schrank oder unter dem Bett lebt, oder wenn auch bei räumlicher Trennung keine Entspannung eintritt.

Deine Aufgabe für diese Woche

Guck mal eine Woche lang nicht auf die Streits. Die siehst du sowieso.

Achte stattdessen auf die leisen Sachen und schreib sie auf. Wer weicht wem aus. Wo liegen die beiden, wenn sie schlafen. Wer sitzt wo im Durchgang. Wer hört auf mit dem, was er gerade macht, wenn die andere reinkommt.

Diese Liste sagt dir mehr über die Beziehung deiner Katzen als jede Eskalation.

Wenn du danach wissen willst, wo ihr steht und was für euch der nächste Schritt ist, findest du das auf meiner Seite zum Thema Katzenstreit.

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